RINGEN AUF MONGOLISCH

Für Touristen und Fremdenführer, von Oyungerel Tsedevdamba, mongolischer Minister für Kultur, Sport und Tourismus

Das Nomadenfest Naadam wird mindestens seit Jahrhunderten gefeiert und ist ein wichtiger Termin für mongolische Ringer und Pferdeausbilder, Reiter und Bogenschützen. Die Naadam-Tradition geht in ihren Ursprüngen zurück bis in die Urzeit und wird auf die Zeit vor dem Aufstieg Dschingis Khans im frühen 13. Jahrhundert datiert. Vielleicht ist diese Tradition aber sogar Jahrtausende alt. Dabei kann man das Naadam mit den Olympischen Spielen im antiken Griechenland gleichsetzen.

In den Sommermonaten finden in der ganzen Mongolei lokale Naadam statt. Die größte dieser Feierlichkeiten ist das Nationalfest Naadam, das jeden Juli in Ulaanbaatar begangen wird. Nur erfolgreichen Teilnehmern an diesem auf Staatsebene stattfindenden Naadam können nationale Ringertitel verliehen werden. Von allen Naadam-Sportarten kann man das Bogenschießen am einfachsten verstehen. Auch Pferderennen – die kilometerweit über die offene Steppe gehen – verlangen vom Zuschauer nicht viel mehr als bloßes Zuschauen.

Beim mongolischen Ringen ist das anders. Viele Nicht-Einheimische sind verwirrt von den Regeln und empfinden diese Sportart vielleicht sogar als langweilig oder zu langwierig. Dabei ist das mongolische Ringen die spannendste und unterhaltsamste Naadam-Disziplin. Ringen ist mongolischer Nationalsport und jeder Einwohner versteht die Regeln nicht nur, sondern verfolgt die Ringerwettkämpfe mit großer Leidenschaft.

Wenn Sie nur erst die komplexe Logik des mongolischen Ringens verstanden haben, werden auch Sie Ihre Leidenschaft für diese Sportart entdecken:

AUFGEPASST BEI DEN HÜTEN!

Wenn die Naadam-Eröffnungszeremonie endet und das Ringen anfängt, werden Sie viele Ringer sehen, die auf das Feld kommen und Adler- oder Falkenbewegungen vollführen. Mit diesen Bewegungen signalisieren die Sportler, dass sie bereit sind für die erste Runde Ringen. Im regulären Ringerwettkampf treten an zwei Tagen 512 Sportler in neun Ausscheidungsrunden an. In wichtigen Jubiläumsjahren erhöht sich die Anzahl der Ringer auf 1.024. Der Wettkampf dauert dann ebenfalls zwei Tage.

In jeder der aufeinanderfolgenden Runden wird die Anzahl der Ringer halbiert, denn nur der jeweilige Gewinner kommt in die nächste Runde. Aber warum genau sind nun die Hüte für die erste Runde wichtig?

Zunächst einmal erleichtert das Betrachten der Hüte das Verfolgen der ersten 256 Ringerpaare. Achten Sie auf die Hüte der Ringer, während sie tanzen, gehen oder sich vor dem Banner mit den neun weißen Pferdehaaren verbeugen.

Von den Ringerhüten hängen rote Bänder herunter. Und einige von diesen roten Bändern sind mit gelben Streifen versehen.

Schauen Sie sich diese Ringer genau an! Denn je mehr gelbe Streifen ein Sportler hat, desto höher steht er auf der Rangliste. Versuchen Sie, sich die Ringer, deren Kämpfe sie verfolgen wollen, einzuprägen, denn die Sportler setzen ihre Hüte zu Beginn des Wettkampfes ab und übergeben sie ihren Trainern.

Wenn ein Ringer, der in der Rangliste höher steht als sein Kontrahent, gewinnt, freuen sich die Zuschauer. Aber das Naadam geht erst richtig los, wenn die höher bewerteten verlieren oder es gegen ihren Gegner schwer haben!

ACHTEN SIE AUF DIE KÖRPER DER RINGER!

Langjährige Zuschauer von Ringwettkämpfen wissen sofort, wer beim Naadam erfolgreich sein wird – indem sie die Figur der Ringer analysieren. Sie denken nun vielleicht, dass ein Ringer, der robust und muskulös aussieht, erfolgreich kämpfen wird. In Wirklichkeit ist die Sache aber etwas komplizierter.

Es gibt viele bewährte Taktiken beim mongolischen Ringen. Der Raum, den die Sportler zur Verfügung haben, ist kaum oder gar nicht begrenzt. Auf dem offenen Feld können sie sich frei über einen größeren Bereich hinweg bewegen. Dazu ist die Zeit kaum beschränkt. Und so verfolgen einige Ringer die Taktik, durch schnelle Bewegungen und überraschende Tricks zu gewinnen, während andere versuchen, den Kampf in die Länge zu ziehen, indem sie keine entscheidenden Bewegungen machen und ihren Gegner so langsam zermürben.

Schlanke, muskulöse Ringer sind besser im kurzen, kunstvollen Ringen. Die massigeren Kämpfer mit den scheinbar weichen Muskeln überragen in der Ausdauer. Wenn Sie sich Ihren ganz persönlichen Favoriten aussuchen, ist es also besser, gleich zwei Ringer zu wählen: Einen für die schnelle Show und einen, der durch seine Hartnäckgkeit Erfolg haben wird. Die meisten Naadam-Zuschauer lieben die schnellen Ringer, obwohl in den meisten Fällen die hartnäckigen und ausdauernden Wettkämpfer mit langem Atem als endgültige Sieger hervorgehen.

ERKENNEN SIE, WER WANN GEWINNT!

Wenn der Ellbogen oder das Knie eines Ringers den Boden berührt, hat sein Gegner gewonnen. Wörtlich übersetzt bedeutet der mongolische Begriff für Niederlage dementsprechend „kniebeschmutzt“. Als Niederlage zählt auch, wenn ein Ringer den Boden mit seinem ganzen Körper oder mit seinem Kopf berührt.

Während beim Judo gilt, dass Hände gegen Hände kämpfe und Füße gegen Füße, dürfen die Hände beim mongolischen Ringen auch andere Körperteile berühren: Hände, Oberkörper und Beine. Untersagt ist es allerdings, den Kopf des Gegners auf respektlose Art und Weise zu ergreifen. In der Mongolei gilt der Kopf als das ehrwürdigste Körperteil eines Menschen und so muss man sogar bei Ringerwettkämpfen das Haupt des Gegners respektieren.

Erfahrene Zuschauer wissen, wie bestimmte Techniken funktionieren und brechen sofort in freudiges Johlen aus, wenn sogenannte Lufttechniken erfolgreich ausgeführt werden. Weniger geübte Zuschauer können auch zunächst einfach nur die Begeisterung des Publikums genießen oder einen erfahrenen Zuschauer bitten, ihm kurz zur erklären, was gerade auf dem Kampfplatz passiert ist. Die Leute werden Ihnen gerne ausfürlich erklären, welche Geometrie und Physik hinter solch schnellen Tricks steckt und dabei ihre Ringerfachsprache auspacken. Dann sagen sie solche Dinge wie: „Am allerwichtigsten ist es, blitzschnell zu merken, wann der Gegner sein Gleichgewicht verlagert.“ Manchmal werden Sie diese Ausführungen verstehen, manchmal macht es auch einfach nur Spaß, einem solchen Experten zuzuhören – sogar wenn einige gesagte Wörter keinen Sinn für Sie ergeben.

In der Regel werden Sie bemerken, wenn ein Trick ausgeführt wird und diesem auch folgen können – besonders wenn ein Ringer seinen Gegner ergreift, hochhebt und dann zu Boden schleudert. Solche Szenen werden Sie recht häufig sehen.

WELCHES LIED LÄUFT GERADE IM HINTERGRUND?

Wenn das Ringen beginnt, laufen im Hintergrund sogenannte „lange Lieder“, die den Sportlern als philosophischer Wegweiser dienen. Diese Lieder erzählen die Geschichte von einem Bruder, der aus Versehen seinen jüngeren Bruder erschoss, weil er dessen Pferd und gelben Deel (ein traditioneller mongolischer Mantel) für eine Gazelle gehalten hatte. Als ihm die Verwechslung bewusst wurde, begann er wahre Sturzbäche zu weinen. In solch einem langen Lied kann es auch um ein friedliches Universum gehen, in dem die wunderschöne Sonne auf- und untergeht. Oder über zwei Palomino-Pferde von Dschingis Khan und darüber, dass ein bestimmtes Gebiet ihr Weideland ist und niemand in diesem Schutzgebiet Wild jagen soll. Oder das Lied handelt von einem Mann, der nicht die Frau heiraten konnte, die er liebte.

Traditionelle lange Lieder werden auf jedem Naadam-Ringerwettkampf gespielt. Während die Geschichte aus alter Zeit im Hintergrund gesungen wird, tanzt der eine Ringer im Vordergrund Siegesfreude, während ein anderer zu Boden fällt. Das Leben und die Show gehen weiter. Der eine gewinnt, der andere verliert – das widerfährt uns ständig im Leben. Das philosophische lange Lied verleiht dem gesamten Wettkampf eine friedvoll-unterhaltsame Stimmung, ganz ohne Rachsucht.

Eine Niederlage großmütig und friedlich hinzunehmen, ist eine der altertümlichen Erwartungen, die das mongolische Ringen an die Kämpfer stellt. Auch die Zuschauer würdigen den Unterlegenen, solange er seine Niederlage mit einem Lächeln annimmt. Wenn ein Ringer seine Niederlage dagegen abstreitet, werden die Zuschauer frustriert und wütend. Dann rufen sie dem scheinbar besiegten Ringer zu: „Gib dein Tahim auf! Gib dein Tahim auf!“ und fordern ihn so dazu auf, eine vorgeschriebene Geste zu zeigen, mit der er seine Niederlage akzeptiert.

Und diese für jeden sichtbare Geste sieht so aus: Der besiegte Kämpfer löst den Gürtel seines Oberteils und läuft unter dem ausgestreckten Arm des Siegers hindurch. Auch hier lauert potenzielle Verwirrung, denn manchmal geht ein junger Sieger unter dem Arm des besiegten älteren Ringers hindurch. Dann bedeutet die Geste, dass der jüngere Ringer den älteren respektiert und den älteren, in der Rangordnung höher gestellten, nicht dazu zwingen will, unter seinem Arm hindurchzulaufen. Die Mongolen schätzen ein solches Verhalten sehr und applaudieren dann dem jungen Sieger.

IN DEN VORRUNDEN SIEGEN DIE SCHWEREREN RINGER MIT LEICHTIGKEIT

Im mongolischen Ringen gibt es keine Gewichtsklassen. Hört sich unfair an? Nun, das ist nicht die einzige „Ungerechtigkeit“, die Sie vielleicht empfinden und Sie zu dem Urteil veranlassen kann, dass es keinen Spaß macht, sich mongolisches Ringen anzuschauen. Aber haben Sie nur Geduld, die Lust an dieser Sportart wird auch bei Ihnen noch geweckt!

In den ersten beiden Runden werden Sie viele schwerere Ringer gegen junge und schmächtigere Gegner antreten sehen. Das liegt daran, dass alle 512 Ringer entsprechend ihrer Rangordnung aufgelistet werden – die besten oben, die schlechtesten unten – und diese Liste in den ersten beiden Runden schlichtweg zusammengefaltet wird. Und so kämpft der erfolgreichste gegen den am wenigsten erfolgreichen Sportler, der zweiterfolgreichste gegen den am zweitschlechtesten platzierten und so weiter. Das führt schließlich dazu, dass die Wettkämpfer, die fast gleich bewertet sind (in etwa die auf den Plätzen 248 bis 257), gegeneinander antreten – und es sind genau diese Kämpfe, die für die Zuschauer am interessantesten sind.

Auf eine bestimmte Art und Weise machen diese Regularien die ersten beiden Runden des mongolischen Ringens zu einem Spiel „natürlicher Auslese“.

Im Gegensatz dazu beginnt ab Runde 3 die „soziale Auslese“. Die, die erwartet hatten, in der ersten Runde geschlagen zu werden, ringen immer noch um den Sieg. Diese Wettkämpfer sind in der Regel Studenten oder Soldaten oder einfach nur junge Erwachsene mit einer Leidenschaft fürs Ringen.

Bleiben Sie nicht die ganze Zeit im Stadion, wenn Sie sich die ersten beiden Runden anschauen. Die beiden Runden dauern fast den ganzen ersten Tag des Naadam (nach der für gewöhnlich sehr spektakulären Eröffnungszeremonie). Erfahrene Zuschauer schauen sich den Beginn der ersten Runde an und gehen dann zu anderen Naadam-Veranstaltungen, zum Beispiel dem Bogenschießwettbewerb, den Pferderennen oder der abendlichen Party auf dem Hauptplatz. Einige Fans tragen kleine Radios bei sich, um die Ergebnisse der Ringerwettkämpfe trotzdem mitverfolgen zu können; andere schauen sich die Kämpfe sogar live auf tragbaren Fernsehgeräten an.

IN DER DRITTEN RUNDE WERDEN DIE GEGNER AUSGEWÄHLT

Am Morgen des zweiten Naadam-Tages wird das Stadion auf einmal sehr voll.

Zur dritten Runde hat sich die Anzahl der antretenden Ringer auf 128 reduziert. Von diesen werden die am höchsten platzierten Sportler von speziellen Jurys, die „Zasuul“ heißen, lobgepriesen. Die Zasuuls singen und lassen die Ringer hochleben. Dann verkünden sie in diesem Lied lautstark den Gegner des Ringers. Angefangen bei dem am höchsten platzierten Kämpfer suchen sich die Ringer selbst aus, gegen wen sie antreten.

Das verändert den Wettbewerb komplett. Zunächst einmal werden die Kämpfer mit den höchsten Auszeichnungen keinen Gegner auswählen, gegen den sie noch nie angetreten sind – wissen sie doch, dass sie ihre Kräfte schonen müssen, da noch sechs Runden auf sie warten. Auf Überraschungen können sie deshalb gut und gerne verzichten. Also suchen sie sich schwächere Ringer aus, die sie für leicht besiegbar halten. Das heißt natürlich nicht, dass diese Rechnung auch immer so aufgeht.

Nachdem jeder hoch platzierte Ringer seinen Gegner ausgewählt hat, bleiben zwei gleich stark eingeschätzte Sportler übrig. Sie werden die „übrig gebliebenen Ringer“ genannt. Alle Aufmerksamkeit liegt auf diesen zwei Sportlern, denn ihr Kampf ist oftmals der interessanteste und verspricht den härtesten Wettbewerb. Außerdem sind die übrig gebliebenen Kämpfer häufig junge Männer mit viel Aufstiegspotenzial.

Um den Wunschgegner der Ringer zu verkünden, stehen die Zasuuls in zwei Reihen neben den Kämpfern. Diese Reihen heißen „links“ und „rechts“. Ein Zasuul auf der linken Seite wird zunächst den am höchsten bewerteten Ringer lobpreisen und dann lautstark verkünden, wen er als Gegner von der rechten Seite auserkoren hat.

Das einen Ringer lobpreisendes Lied kann in etwa so übersetzt werden: „Hier ist der größte, ozeangleiche, unschlagbare Meister (vollständiger Name) der Mongolei, geboren im Sum (Name) im Aimag (Name), der hierher gekommen ist zu Ehren des 2.223. Jubiläums des Khunnu-Reiches und zu Ehren des 808. Jahrestages des großen mongolischen Staates sowie zu Ehren des 93. Jahrestages der Revolution des Volkes und des 25. Jahrestages der demokratischen Revolution sowie zu Ehren des Naadam-Nationalfestes! Er fordert hiermit den Ringer (vollständiger Name) aus dem Sum (Name) im Aimag (Name) aus der rechten Ecke dazu auf, seine Kräfte ehrlich vor allen Naadam-Zuschauern zu messen.“

Die Zasuul des aufgeforderten Ringers auf der rechten Seite singen dann laut zurück: „Wir haben deine Aufforderung hier vernommen!“

Bei ihrer Auswahl lassen die Ringer keine Schüchternheit walten und rufen auch Gegner auf, die kleiner sind als sie selbst – haben doch alle das Ziel, alle neun Runden zu überstehen und zu gewinnen. Schlaue hoch bewertete Ringer wählen also in der Regel kleinere, schwächere, unerfahrenere Gegner, es sei denn, eine weitere verzwickte Ringerpolitik kommt dazwischen.

Ja, Sie haben richtig gelesen, es gibt in der Mongolei Ringerpolitik, viel Ringerpolitik. Einige hoch bewertete Ringer, die nicht erwarten, weit zu kommen, können sich dazu entscheiden, jüngeren und vielversprechenderen Kämpfern zu „helfen“, indem sie diese als Gegner auffordern und für sie ihren eigenen Kopf hinhalten. Das passiert in der Regel, wenn der jüngere Gegner aus demselben Aimag kommt oder von derselben Schule. In einigen Fällen ist schlichtweg Geld im Spiel. Die Zuschauer sehen solche Vorkommnisse überhaupt nicht gerne und haben für sie den Spitznamen „Nairaa“, was so viel wie „schmutziger Deal“ bedeutet. Diejenigen, die Titel und Erfolg durch reines ringerisches Kämpfen erreichen, werden dagegen von der Öffentlichkeit bewundert und als wahre Helden geliebt.

DIE VIERTE RUNDE IST VOLLER ÜBERRASCHUNGEN

Viele Zeitungen und Organisationen bieten Ratespiele an, in denen man tippen kann, wer in welcher der neun Runden gewinnen wird. Diese Spiele sind zwar nicht mit Wetten gleichzusetzen, diesen aber sehr ähnlich, denn nach dem Naadam-Fest bekommen die Teilnehmer, die richtig geraten haben, große Preise.

Die Gewinner der ersten drei Runden sind noch relativ einfach zu erraten. Aber ab der vierten Runde fallen die Tipps in sich zusammen, denn in der vierten Runde werden die Gegner erneut per Zusammenfalten der Liste ermittelt. Nach der dritten Runde werden die 64 im Wettkampf verbleibenden Ringer erneut nach ihrer Leistung aufgelistet und die Liste wird zusammengefaltet. Auch die darauffolgend angewendete Regel kennen Sie bereits: der Ringer auf dem letzten Platz kämpft gegen den erstplatzierten.

Allerdings ist es für die hoch platzierten Ringer nun nicht mehr so einfach wie in den ersten beiden Runden. Denn in dieser Phase des Wettkampfs kann sogar der Letztplatzierte ein zukünftiger Meister sein. Alle 64 Ringer sind äußerst wettkampforientiert und zu diesem Zeitpunkt hat niemand mehr Angst vor auch nur einem seiner potenziellen Gegner. In der vierten Runde verlieren demnach relativ viele hochplatzierte Ringer. Gleichzeitig zeichnen sich viele neue junge potenzielle Stars ab. All das macht Runde 4 besonders spannend.

In der vierten Runde lautet die alles entscheidende Frage: Wer von diesen neuen Stars wird in der nächsten Runde den Titel des „Nachin“ (Falken) ergattern? Erfahrene Fans, die den Start von Runde 5 kaum abwarten können, listen die Namen der neuen, erfolgreichen Ringerstars auf und erstellen eigene Statistiken über sie, zum Beispiel darüber, wo sie herkommen oder über ihre Ringercamps.

Ein Ringercamp ist eine mongolische Art von Ringerclub, zu dem eine Gruppe Ringer aus demselben Aimag, derselben Stadt oder derselben Schule zusammenkommen, um sich auf den Naadam-Wettkampf vorzubereiten. In der Regel leiten hochrangige Ringer diese Camps, in denen sie und ihre Kollegen junge Nachwuchsringer trainieren, aber auch ihren eigenen Fertigkeiten den letzten Schliff verleihen. Eine Regel besagt, dass der Leiter eines solchen Ringercamps, der damit rechnet, auch in den nächsten Runden weiterzukämpfen, keinen Teilnehmer aus demselben Camp als seinen Gegner auswählen darf, wenn es noch genügend andere Ringer gibt, aus denen er einen Kontrahenten wählen kann.

Andererseits kann ein Leiter eines Ringercamps, der es als unwahrscheinlich ansieht, in der nächsten Runde weiterzukommen, absichtlich einen jungen Campteilnehmer auswählen, um ihm eine Chance zum Gewinnen zu geben und ihn dem Falken-Titel ein Stück näher zu bringen.

Sie haben wahrscheinlich auch schon bemerkt, dass die Herkunft der Ringer in dieser Phase des Wettkampfs sehr wichtig wird. Und es gilt auch: Je erfahrener und sachkundiger ein Zuschauer, desto leichter wird es für ihn, richtige Tipps für die Ringerkontrahenten in der bevorstehenden Runde 5 abzugeben.

RUNDE 5 – NEUE STERNE AM RINGERHIMMEL

Wie die dritte Runde beginnt Runde 5 mit langen Lobpreisungen und Aufrufen, in denen die hochrangigen Ringer mit Lob überschüttet werden und bekanntgegeben wird, welchen Ringer sie als ihren jeweiligen Gegner auserkoren haben.

Diese Lieder sind ein gemächliches Aufwärmen für einen wirklich aufregenden Abschnitt des Wettkampfs. In der fünften Runde wollen die Zuschauer nur eines wissen: Wer die neuen Falken werden!

„Falke“ ist in jedem Naadam ein magisches Wort und ein Traumtitel für jeden jungen Ringer. Denn wer zum Falken wird, hat die fünfte Runde gewonnen und sich so für seinen ersten nationalen Meistertitel qualifiziert. Die Falken-Titel werden per Erlass des mongolischen Präsidenten verliehen und junge Ringer sehnen sich regelrecht nach dieser Auszeichnung. Und die Fans freuen sich umso mehr darauf, ihre neuen Stars anzufeuern!

Wenn dagegen jemand, der bereits mit einem nationalen Titel ausgezeichnet wurde, in dieser Runde gewinnt, ist es den allermeisten Zuschauern egal. Die gesamte Aufmerksamkeit wird den jungen Ringern geschenkt, die noch keinen Titel haben, und die Fans wollen, dass viele von ihnen zu neuen Falken werden. In guten Jahren gelingt das sechs bis sieben der 32 Ringer. Häufiger bekommen aber nur zwei bis fünf Kämpfer diesen Titel. In einigen Jahren wird sogar nur ein neuer Falke geboren.

Ist abzusehen, dass mehrere Ringer den Falken-Titel erreichen können, beginnt ein weiteres Strategiespiel. Es heißt „Timing“ und bedeutet schlichtweg, dass die jungen Ringer darum kämpfen, den Titel so früh wie möglich zu bekommen, und wenn es dabei nur um eine einzige Minute geht. Warum das so wichtig ist? Weil im weiteren Verlauf des Wettbewerbs die Ringer mit dem jeweils gleichen Titel nach der Zeit aufgelistet werden, die sie gebraucht haben, um den Titel zu gewinnen. Deswegen versuchen die Kämpfer, ihren Titel so schnell wie möglich in einer Runde zu erlangen.

RUNDE 6 – DIE NEUEN STARS TANZEN

Zu Beginn der sechsten Runde wird Ihnen schnell auffallen, dass ab jetzt große, kräftige Ringer den Wettkampf dominieren. Als klein oder dünn würde man nur noch wenige der 16 verbleibenden Sportler bezeichnen. Der Grund dafür ist einfach: Nach fünf Wettkampfrunden bleiben nur noch die am besten trainierten Männer übrig, die in der Lage sind, mehrere Runden hartes Ringen zu überstehen. Diese starken Kerle zu besiegen, genau das ist jetzt die Aufgabe für die frisch gekrönten Falken.

Es macht Spaß, sich das Ringen in Runde 6 anzuschauen, denn es ist leicht zu verstehen. In dieser Wettkampfphase zeigen die neuen Falken wunderschöne, mutige Tricks. Da sie zu diesem Zeitpunkt keine Angst vor einer Niederlage haben, bieten sie den Zuschauern gerne eine unbeschwerte und unterhaltsame Show. Und nach der anstrengenden 5. Runde genießen die Fans dieses herrliche, überraschende und mutige Ringen auch.

Aber obwohl die frisch geschlüpften Falken überraschende Taktiken anwenden, verlieren sie in der Regel in dieser Runde. Nichtsdestotrotz kommt es vor, dass einer oder zwei der neuen Falken auch die sechste Runde übersteht und sich damit für einen neuen Titel qualifiziert – den „Khartsaga“ (Turmfalke). In diesen Fällen ändert sich der Ringerwettbewerb dramatisch und die Zuschauer quittieren diese Entwicklung mit begeisterten Rufen und Pfiffen.

RUNDE 7 – AUSDAUER, AUSDAUER, AUSDAUER

Elefant heißt der Titel, den es in dieser Runde zu erringen gilt – sollte ein junger Star es schaffen, Runde 7 zu überstehen. Nun sind nur noch acht Ringer im Wettkampf. Höchstwahrscheinlich brauchen sieben der acht Ringer kein Elefant mehr zu werden, weil sie schon vor Jahren mit diesem Titel ausgezeichnet worden sind und nun nach noch höheren Würden streben und zum Beispiel Löwe, Meister, Doppelmeister („Dayan Avarga“) oder dreifacher Meister („DarhanAvarga“) werden wollen.

Gibt es mindestens einen Ringer, der Elefant werden will, wird die siebte Runde zur beliebtesten Runde des Jahres. Die Zuschauer begeistert es besonders, wenn der junge Kämpfer den Titel gewinnt, denn ein Elefant zu werden, ist eine besondere Auszeichnung!

Für einen Touristen ist ein neuer Elefant keine große Sache. Aber für einen mongolischen Zuschauer kann das Küren eines Elefanten zu einer sehr emotionalen Angelegenheit werden, vor allem wenn der Elefant sein Lieblingsringer ist oder aus derselben Gegend kommt wie er selbst.

Touristen sollten sich den Namen des Aimag, aus dem der neue Elefant kommt, gut merken, da sie später noch in diese Gegend reisen könnten. Wenn das der Fall ist, schreiben Sie sich auf jeden Fall den Namen des neuen Elefanten auf, damit Sie ihn im Gespräch mit Einheimischen erwähnen können – um dann zu sehen, wie viel einfacher und lustiger das Nomadenleben werden kann, wenn Sie den Namen des lokalen Lieblingsringers kennen!

In der siebenten Runde wartet allerdings ein langweiliger Teil auf die Zuschauer: die Ausdauertaktik. Weil der finale Sieg des Naadam nun in greifbare Nähe gerückt ist, wagen die massigen Ringer keine riskante Technik mehr. Sie ringen vorsichtig, langsam, manchmal auch absichtlich langsam, um den Gegner zu ermüden oder so zu frustrieren, dass dies wiederum einen zu riskanten Zug zur Folge hat. Die Ringer, die vollstes Vertrauen in ihre Ausdauer haben, machen absichtlich keine entscheidenden Bewegungen. Stattdessen ergreifen sie ihren Gegner und halten ihn lange fest. Das heißt „Uya“, was so viel wie „Reifen“ oder „Seil“ bedeutet. Die Ringer bewegen sich kaum, so als ob sie von einem Seil umwickelt wären.

Ungeduldige Zuschauer fordern die Uya-Ringer vielleicht dazu auf, sich zu bewegen, aber es ist sehr schwierig, die Taktik dieser Sportler zu ändern. Nach 30 Minuten ohne Ergebnis losen die Punktrichter, welcher der beiden Kontrahenten seinen Wunschgriff ausführen darf. Wenn der Gewinner dieses Loses keinen Erfolg mit seinem Wunschgriff hat, darf sein Gegner seinen bevorzugten Griff ausführen. Auf diese Weise zwingen die Punktrichter die Ringer dazu, schneller zu kämpfen.

Früher, als es noch überhaupt kein Zeitlimit beim Ringen gab, dauerte der Anfang jedes Kampfes in Runde 7 unglaublich lange. Alle Ringer setzten so lange sie konnten auf ihre Ausdauer und die Ringkämpfe endeten erst sehr spät.

RUNDE 8 – DIE STARS WERDEN MÜDE

Stellen Sie sich vor, Sie wären einer dieser vier letzten starken Ringer. Sie haben nun sieben Runden lang gekämpft und unter Umständen auch sehr starke Gegner bezwungen. Sie sind müde, der Schweiß rinnt in Strömen, so stark, dass sogar schon Ihre Augen vom salzigen Schweiß brennen. Alles, was Sie wollen, ist trinken, sich hinsetzen, sich ausruhen und den Ringeranzug, der Ihnen schon jetzt viel zu eng vorkommt, ausziehen ... so muss es sich anfühlen, einer dieser Männer zu sein. In Runde 8 bewegen sich die müden Stars viel langsamer als in den Runden zuvor. Kämpfer, die in dieser Phase einen schnellen, gerissenen Trick vollführen, hatten ein unglaublich gutes Training und haben sich unvorstellbar gut auf dieses Naadam vorbereitet. Aber die Zuschauer akzeptieren zu diesem Zeitpunkt auch sehr wohl das langsame Ringen. Diese Runde ermüdet die Teilnehmer des Naadam-Wettkampfes mit am stärksten, und zwar jeden, der so weit gekommen ist.

Unruhig sind die Zuschauer in Runde 8 aber trotzdem, denn sie können es kaum erwarten, dass sich endlich entscheidet, wer die Finalisten sind. Gewinnt ein Ringer diese Runde zum ersten Mal in seiner Karriere, wird er mit dem Titel „Garid“ ausgezeichnet. Garid ist der Name einer Märchenfigur, eines himmlischen Vogels. Dieser Auszeichnung schenkt aber niemand wirkliche Beachtung, vielmehr gilt die ganze Begeisterung der anstehenden neunten Runde, der Endrunde.

Wenn einer oder zwei dieser müden Ringer genügend Kondition und Schnelligkeit übrig hat, um „das Feld aufzumischen“ (also schnelle, überraschende Tricks auszuführen anstatt einfach nur langsam weiter zu ringen), freuen sich die Zuschauer und es wird laut in den Rängen. Weil schnelles Ringen in dieser Phase des Wettbewerbs sehr ungewöhnlich ist, werden die Fans noch lange nach dem Naadam über diese Ringertechniken sprechen.

RUNDE 9: FINALE!

Erst einmal herzlichen Glückwunsch, dass Sie bis zum Ende beim mongolischen Ringen durchgehalten haben! Sie wollen nun wahrscheinlich wie jeder Mongole unbedingt wissen, wer den Wettkampf gewinnt. Ihnen als Tourist ist dabei vermutlich jeder Gewinner recht.

Für die mongolischen Zuschauer kann die Endrunde dagegen ziemlich emotional werden, je nachdem aus welchem Aimag die Finalisten kommen. Dann kommen ganze Gemeinden zusammen, um für den Ringer aus ihrer Gegend zu beten und die besten Wünsche für seinen Sieg zu schicken.

Ringer, die zum ersten Mal ein Naadam gewinnen, werden Löwen. Den Titel „Meister“ bekommt man nach zwei (wenn 512 Ringer teilnehmen) oder einem Naadam-Sieg (wenn 1.024 Ringer teilgenommen haben) verliehen.

Der dramatische Moment des finalen Sieges beim Naadam-Wettbewerb wird jedes Mal der beliebteste Videoclip des Jahres. Packen Sie also Ihre Kamera aus, wenn Sie spüren, dass das finale Drama kurz bevor steht, damit Sie auch all die Begeisterung und die Jubelrufe im Stadion mit aufnehmen!

Wenn dann der Augenblick des Sieges endlich gekommen ist und das gesamte Stadion von den lautesten Rufen, Schreien und Pfiffen erbebt, werden Sie das Gefühl haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Die Energie in der Wettkampfarena ist nun geradezu magisch! Das ist Naadam!

Zum Ende des Wettkampfes wird der neue Titel per Erlass des Präsidenten verkündet. Danach nehmen die beiden Finalisten ihre Auszeichnungen vom Präsidenten der Mongolei entgegen. Der Sieger des Wettkampfes muss dabei ab dem Moment seines Triumphes nicht mehr selbst laufen, und zwar bis er das Stadion verlässt: Er wird von einer Traube Männer hochgehoben und sie tragen ihn auf ihren Schultern erst zum Siegerpodest und nach der Siegerehrung vom Podest in Richtung Stadionausgang.

WEITERE WETTKÄMPFE IM MONGOLISCHEN RINGEN

Das Naadam-Nationalfest ist die nicht die einzige Gelegenheit, sich mongolisches Ringen anzuschauen.

Ein Naadam ist, wie am Anfang dieses Artikels erwähnt, ein altertümliches nomadisches Fest, das seit jeher von allen Regierungen des Landes finanziert wurde, auch heute noch. Naadam haben schon immer in der Mongolei stattgefunden, sei es unter kommunistischem Regime oder während unserer schlimmsten wirtschaftlichen Krisen in der Zeit nach dem Kommunismus.

Das Naadam auf Nationalebene wird aus dem Staatshaushalt bezahlt, während die lokalen Naadam aus den lokalen Budgets sowie von den Gemeinden zusammengetragenen Geldern finanziert werden. Ein wahres Naadam ist keine kommerzielle Veranstaltung. Auch Wetten haben bei einem echten Naadam nichts verloren. Zwischen dem 7. und 20. Juli (und manchmal auch später) finden in allen Landesteilen der Mongolei Naadam-artige Feste statt. Das größte Naadam wird vom 11. bis 13. Juli in Ulaanbaatar veranstaltet.



In diesen verschiedenen Naadam kämpfen insgesamt mindestens 22.400 Ringer, 105.000 Kinder machen beim Pferderennen mit und 9.500 Bogenschützen schießen ihre Pfeile vor den Zuschauern ab. Wie bereits erwähnt, ist es eine jahrtausendalte Tradition, die lokalen Naadam zu unterstützen. Diese Unterstützung hält bis heute an, weil die Naadam die größten Veranstaltungen sind, auf denen die lokalen nomadischen Hirten zusammentreffen. Das Naadam in Ulaanbaatar ist natürlich die wichtigste Touristenattraktion des Landes, kulturell interessant und faszinierend ist aber jedes der landesweit 321 Naadam-Feste.

Die Ringerwettkämpfe sind praktisch bei jedem Naadam-Fest gleich, außer wenn lokale Naadam bei weniger Teilnehmern (32 bis 256) weniger Runden vorsehen. Die Gewinner der lokalen Festivals werden mit Aimag- und Sum-Titeln ausgezeichnet, aber niemals mit einem Nationaltitel.

Touristen, die nicht in der Naadam-Hauptsaison in die Mongolei kommen und trotzdem das mongolische Ringen kennenlernen wollen, sollten unbedingt den Ringerpalast von Ulaanbaatar besuchen.

Im Ringerpalast finden 128 bis 265 Wettkämpfe statt, und zwar vor oder während nationaler Feiertage sowie wichtiger Jahrestage.

Unten finden Sie die Feiertage, zu denen die interessantesten Ringerwettkämpfe stattfinden. Wenn Sie sich diese Turniere anschauen möchten, kontaktieren Sie vorher bitte Ihr Reiseunternehmen. Manchmal finden die Wettkämpfe einen Tag vor dem Nationalfeiertag statt, manchmal am Feiertag selbst.

Das sind die beliebtesten Wettkämpfe:


Neben diesen staatlich finanzierten Turnieren gibt es viele Wettkämpfe, die von Unternehmen, Organisationen oder sogar von Familien oder Einzelpersonen gesponsert werden.

KÖNNEN TOURISTEN BEIM NAADAM-RINGEN MITMACHEN?

Es ist außerordentlich schwierig, bei den National- und Aimag-Naadam mitzuringen. Die Ringerwettkämpfe werden von einer nichtstaatlichen Organisation, dem Mongolischen Ringerverband, organisiert. Dieser Verband beobachtet und registriert die Ringer das ganze Jahr hindurch, damit die Ranglisten für die wichtigen Turniere reibungslos erstellt werden können und dann unumstritten akzeptiert werden. Dementsprechend haben Ringer, die nicht in dieser Ranking-Datenbank verzeichnet sind, praktisch keine Chance, bei den wichtigen Wettkämpfen anzutreten.

Die Naadam auf der Sum-Ebene haben dagegen weniger strenge Teilnahmeregeln. Die meisten neuen Ringer, also junge Erwachsene und Studenten, bestreiten ihre ersten Ringkämpfe auf den Sum-Naadam. Einige Sums lassen bei ihrem Naadam sogar Touristen zum Ringen zu. Das touristenfreundlichste Naadam findet in der Stadt Khatgal am Chöwsgöl-See statt. Das Ringerturnier in Khatgal lässt Touristen seit ungefähr zehn Jahren zu und so sind dort schon viele ausländische Reisende angetreten. Allerdings hat noch kein Tourist ein Sum-Naadam gewonnen. Der offizielle Titel für einen Ausländer, der ein solches Turnier gewinnt, wäre Sum-Elefant. Aber denken Sie daran: Da sie auf der Rangliste unten stehen und die in der ersten Runde zusammengefaltet wird, um die Gegner zu ermitteln, werden Sie höchstwahrscheinlich gegen einen der besten Ringer des Sums antreten müssen!